Chinareisen


Abenteuer China

Wushu-Reise 1990/91

UND NUN geht es mir wie am ersten Arbeitstag  nach   der  Reise, als  die Kollegen  fragten: "Du warst doch in China, erzähl' doch mal!" Wo fängt man da an, angesichts der Überfülle an Eindrücken in nur vier Wochen?

AM EINFACHSTEN am Anfang, d.h. am  9.12.90,  als  unsere  16-köpfige Gruppe  von  Deutschen  und  Schweizern von Zürich und Frankfurt   aus  den  Flug  nach  Hongkong   antrat,    wo   Martin Rüttenauer  uns  in Empfang nahm.  Die Flut von Eindrücken, die während der ganzen Reise nicht abriß, setzte sofort  ein,   denn die Landung  knapp  über  die  Hausdächer   und Antennen hinweg verlangt starke Nerven.  Der Nachmittag wurde kaum   zur  Erholung vom  Flug genutzt, stattdessen wurden Rundgänge unter besonderer Berücksichtigung  der  Einkaufsmöglichkeiten gemacht.    Abends konnten wir unsere Ankunft bei unserem ersten original chinesischen Essen feiern -  es schmeckt dort wirklich anders als in  deutschen Chinarestaurants. Es folgte ein Gang durch die nächtliche Temple Street mit Straßenmarkt, Gedränge, Musikern, Restaurants, Spielhöllen. Am nächsten Morgen kam der Flug nach Beijing und damit der kalte Teil der Reise.  In den folgenden zwei Wochen in Nord- und Zentralchina war das Wetter bei Temperaturen knapp unter Null Grad zwar kalt, aber auch ruhig und trocken. Sobald wir den Boden der Volksrepublik betraten, schloß sich uns ein Reisebegleiter an, der uns während des ganzen Aufenthaltes dort zur Seite stand.  Dazu kamen in jeder Stadt zwei lokale Führer (einer davon deutschsprechend) sowie ein Bus, das erleichtert das Sightseeing.

ES ERSCHEINT aussichtslos, von Beijings großen Sehenswürdigkeiten wie dem Himmelstempel, der verbotenen Stadt oder dem Sommerpalast zu schreiben, man muß es gesehen haben. Zurück  blieb vor allem ein  Eindruck von Monumentalität und Prachtentfaltung, der von den Mächtigen, die solche  Anlagen  bauen ließen, sicherlich beabsichtigt war. Der Platz des himmlischen Friedens hat die gleiche Ausstrahlung, obwohl er eigentlich als Gegenstück zur verbotenen Stadt gedacht war.  Die Große Mauer bot bei strahlendem Sonnenschein Gelegenheit zum Spazierengehen, zwar nicht weit, aber dafür so steil auf und ab, daß man trotz der  Kälte  kräftig schwitzen konnte.   Auch mit Beijings berühmter kulinarischer Attraktion, der Pekingente, hatten wir eine erfreuliche Begegnung.

IN BEIJING kam es auch zu unserer ersten  Begegnung mit den chinesischen Kampfkünsten, was  ja ein wesentlicher Aspekt der Reise war, nämlich durch den Besuch eines lokalen Wu-Shu-Vereins. Seine räumliche Ausstattung (große Halle, abgezäunter Platz) zeigte uns die Popularität und die offizielle Förderung dieses Sports.  Eine große Gruppe von überwiegend älteren Leuten trainierte gerade Tai-Chi bei Minusgraden im Freien, während wir frierend an unsere geheizte Schule in Deutschland dachten.  In der Halle zeigten wir uns dann gegenseitig unser Können. Nach drei Tagen verließen wir Beijing mit dem Nachtzug, um nach Zentralchina zu fahren. Die großen Begegnungen mit den Kampfkünsten hatten wir erst dort, als erstes in Chenjiagou.  Das ist ein kleines Dorf, in dem die Wege noch aus gestampfter Erde und manche Häuser noch aus Lehm und strohgedeckt sind.  Schon die Fahrt dorthin, mit dem großen Bus über Feldwege und durch das  verwinkelte Dorf, war ein Abenteuer für sich.

DAS CHEN-STIL-TAI-CHI, das dort vor langer Zeit entstanden ist, wird  heute nicht mehr im Rahmen einer Familientradition geheim gehalten, sondern öffentlich unterrichtet.   Es gibt ein Schulgebäude, in dem der derzeit letzte Meister der Chen-Familie lehrt.  Nachdem wir dort von ihm und  anderen  Honoratioren des Dorfes empfangen worden waren, demonstrierten Schüler ihr Können.  Darüberhinaus demonstrierten sie, was uns in Beijing schon aufgefallen war und in China immer wieder auffiel, nämlich Kältefestigkeit. Denn die Vorführung fand in einer ungeheizten Halle   bei offenen Fenstern statt.  Den Dorfbewohnern, die sich natürlich sofort versammelt hatten, als ein ganzer Bus voller "Langnasen"  vorfuhr,   ging es  prächtig, nur wir froren und konnten uns nur an unserer guten Laune aufwärmen. Überhaupt verfolgte die Kälte uns manchmal sogar bis in die Restaurants, die nicht immer beheizt waren. Man stelle sich das vor: ein Haufen "Langnasen" in dicken Daunenjacken, Mützen und Schals am Tisch sitzend. Die Chinesen haben sich bestimmt amüsiert.

DAS NÄCHSTE Wu-Shu-Highlight war natürlich der Besuch des Shaolin- Klosters bei Dengfeng. Mit der Popularisierung des Klosters hat der Ort sich zu einem Zentrum der Kampfkünste   mit etlichen Schulen entwickelt.  Dem Kloster selbst ist eine Schule angeschlossen, in der es wieder Vorführungen zu sehen gab: vom Feinsten. Leider hat sich darüberhinaus ein wilder Touristenrummel entfacht, der die  Atmosphäre, die die Anlage eigentlich hat, beeinträchtigt. Der Pagodenwald mit den dünn mit Schnee bedeckten Bergen im Hintergrund wird trotzdem ein unvergeßlicher Eindruck bleiben.

WAS WIR ANSONSTEN in Zentralchina alles an Tempeln, Klöstern, kunsthandwerklichen Manufakturen und anderen Sehenswürdigkeiten sahen, geht inzwischen in der Fülle der Erinnerungen ganz  durcheinander, zumal sich eine ebenso große Fülle an Eindrücken aus dem chinesischen Alltagsleben  darunter mischt: auf  Fahrrädern werden ganze Wohnungseinrichtungen transportiert; auf Märkten herrscht unglaubliches Gedrängel; an manchen Marktständen wird Zuckerrohr als Meterware verkauft; Tempel sind nicht nur eine touristische Attraktion, sondern sie werden von Gläubigen wirklich genutzt, um zu beten und in großen Bronzebehältern Weihrauch zu verbrennen; Kleinkinder tragen keine Windeln, sondern haben nur einen großen Schlitz in der Hose (trotz der Kälte); und vieles anderes mehr.

KOMMEN WIR NUN zum warmen Teil der Reise, der mit dem Flug von Xian nach Guangzhou anfing. Tatsächlich waren wir auch hier mit gutem Wetter gesegnet, die dicken Pullover verschwanden wieder in den Koffern und die T-Shirts wurden ausgepackt. Die Wärme, üppige, subtropische Vegetation, bunte Blumen, Straßen mit blühenden Bäumen mitten in der Großstadt, das war nach dem kalten Norden eine Labsal für die Seele. Zu besichtigen gab es in Guangzhou selbst nicht sehr viel, da die Stadt verhältnismäßig jung ist. Wichtigstes touristisches Ereignis war ein Ausflug zur Felsenlandschaft von Zhaoqing, aus der die Chinesen eine Art Mainau gemacht haben. Dort konnten wir neben vielen anderen exotischen Pflanzen einige Prachtexemplare der berühmten Banyan-Bäume, die in Südostasien viel zu finden sind, aus der Nähe sehen.  Ihre imposante Größe zeigte, daß diese  Felsenlandschaft nicht erst  in jüngster Zeit von den Chinesen kultiviert wurde. Mit ihren bizarren Stämmen, die aus einem Geflecht von Luftwurzeln bestehen, schaffen es einige dieser Pflanzen, sich an den Felswänden festzuhalten und dort zu gedeihen.

AUCH EIN GANG über einen traditionellen Markt in Guangzhou wird lange im Gedächtnis bleiben. Traditionell bedeutet, daß er europäischen Vorstellungen von chinesischen Märkten entsprach. Getrocknete Seepferdchen; Schlangen, in großen Käfigen durcheinander liegend; Enten, kopfüber hängend mit den Füßen an einem Strick zu einem Bündel zusammengebunden. Ob Hunde, Katzen, Mäuse, Fische, alles wurde in  jedem lebenden oder toten Zustand  angeboten und bei Bedarf gleich an Ort und Stelle geschlachtet.

ABER DAS EIGENTLICHE HIGHLIGHT war natürlich das Training, das nun begann. "Jetzt beginnt der Ernst des  Lebens!", so drückte es einer von uns aus. Nach den ersten zwei Wochen, in denen wir viel im  Bus gesessen hatten, hatten wir Sport auch dringend nötig. Das Training fand zweimal täglich in einem Park in der Nähe des Hotels  statt, der leicht zu Fuß zu erreichen war. Wir wurden in eine Anfänger- und eine Fortgeschrittenengruppe aufgeteilt. Trainer He Yuhai brachte den Anfängern die Einstiegsform der Wu-Familie in das Südshaolin-Kung-Fu bei. Da in dieser Gruppe einige völlige Wu-Shu-Neulinge waren, hatte er so seine Mühe. Aber seine Geduld und seine freundliche Art nahmen uns rasch für ihn ein und spornten uns an. Die Fortgeschrittenen lernten bei Trainerin Xie Xiaojuan eine Nordshaolin-Faustform. Außer uns fanden sich im Park immer auch Tai-Chi-trainierende Chinesen ein, die sich von uns nicht ablenken ließen. Spaziergänger dagegen blieben oft stehen und schauten zu. Eines Morgens gesellte sich sogar eine alte, runzlige Chinesin zu uns und machte unsere Aufwärmarbeit mit. Die letzte Woche verbrachten wir dann auf Hainan, einer Tropeninsel im südchinesischen Meer. Per Bus ging es quer über die Insel vom Norden, wo wir mit dem Flugzeug   angekommen waren, in den Süden, wo sich unser Hotel befand, durch eine traumhafte Landschaft mit tropischem Wald, Reisfeldern, Kautschukbäumen, Bananenpalmen und Teeplantagen.

DIE ECKE VON HAINAN, in der wir wohnten, entpuppte sich dann als wahres Ferienparadies. Ein kleines gemütliches Hotel (deren Leiter ihre gesammelten Englischkenntnisse   zusammenkratzten, um uns  mit einem Schild  "Welcome German WuShu training group to our resort" zu empfangen) fern jeder  Disco und sonstigen Trubels, dafür nahe am Strand.  Sonne, Wärme, Meer, Baden, Faulenzen und natürlich gutes Essen - jetzt setzte so richtig Urlaub Das Training wurde am Strand fortgesetzt. Die beiden Trainer tauschten die Gruppen, die Anfänger lernten bei Xiaojuan eine Südshaolin-Schwertform, die Fortgeschrittenen bei Yuhai eine Nordshaolin-Säbelform. Zum Glück ging meistens ein leichter Seewind, der die Wärme erträglich machte. Meistens, aber nicht immer, und dann floß der Schweiß in Strömen. Darum endete das Training oft mit einem Sprung ins Meer. Außerdem   verbrauchten wir viele Wassermelonen sowie Kokosnüsse, die am Strand verkauft, an Ort und Stelle aufgehackt und mit einem Strohhalm zum  Trinken der Milch versehen wurden. Natürlich erregten wir auch hier wieder die Neugier der Chinesen, vor allem der   Kinder, die sich ganz unverblümt dazu setzten und zuschauten.

NATÜRLICH ERLEBTEN wir daneben etliche kleine Abenteuer. Da war z.B. die Herde Wasserbüffel, die pünktlich jeden Abend um sechs Uhr den Strand entlang zog und das Ende des Trainings anzeigte. Da waren die Strandspaziergänge, von denen man unweigerlich mit zwei Händen voller bizarrer Muscheln zurückkehrte. Da war die Lehmhütte, die am Weg zum Strand von Einheimischen gebaut wurde, so daß wir einen  Einblick in diese Bauweise   bekamen. Des Autors liebste Erinnerung sind die beiden Riesengarnelen, die ich eines Mittags verspeiste. Der Preis der Mahlzeit berechnete sich nach dem Gewicht der Tiere, darum wurden sie am Tisch mit einer Balkenwaage abgewogen. Ein unangenehmes Abenteuer war dagegen die handtellergroße Spinne, die einige von uns am ersten Abend in ihrem Zimmer entdeckten.

NACH EINER WOCHE kam der Abschied von Hainan und damit fast schon das Ende dieser Chinareise. Per Flugzeug ging es zurück nach Guangzhou, wo viele die Gelegenheit nutzten, noch einmal die chinesische Wirtschaft anzukurbeln. Bei unserem ersten Aufenthalt in Guangzhou waren die Geschäfte ausgekundschaftet worden,  jetzt wurden sie aufgesucht, um schnell noch Souvenirs und Mitbringsel zu besorgen.

EIN WENIGER GLANZVOLLES Ereignis war die Vorführung unseres gelernten Stoffes vor der alten Frau Wu, der Mutter unserer chinesischen Lehrer in Konstanz. Beeindruckend war es wohl nicht gerade, was wir da zeigten. Zwar bekamen wir alle ein Dokument von ihr überreicht, aber das war wohl mehr ein Akt der Freundlichkeit.   Martin Rüttenauer nahm die ganze Veranstaltung auf Video auf, aber das Band wird bestimmt auf nie zu klärende Weise verschwinden.

EINEN TAG SPÄTER erreichten wir früh morgens mit dem Nachtschiff Hongkong, wo wir noch einmal einen vollen Tag hatten, der wieder von vielen im Kaufrausch verbracht wurde. Abends traten wir den Rückflug nach Frankfurt und Zürich an. Und dann waren wir endlich wieder zu Hause. War das ein Abenteuer.  Mittlerweile sind die Koffer wieder ausgepackt, die Mitbringsel ausgeteilt und die Filme entwickelt. Ob ich die Reise noch einmal mitmachen würde? Nicht gerade nächsten Winter, aber ein anderes Mal schon.

M.S.